Psychosozialer Unterstützungsbedarf bei IPSU auch jetzt noch hoch

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Wenn das Selbstbild ins Wanken geraten ist 

Psychosozialer Unterstützungsbedarf bei IPSU auch jetzt noch hoch 

Gemünd: Diese früher nie verspürte, nun immer wieder schnell einsetzende Erschöpfung ist eines der kaum erträglichen Gefühle, welches einer Betroffenen der Flut vom Juli 2021, nennen wir sie Elin, immer wieder stark zu schaffen macht. Vor dem 14. Juli, vor zwei Jahren, habe sie ihren Alltag problemlos managen können, was nun aber nicht mehr funktioniere, erklärt die Frau beim Gespräch in der Kölner Straße 10. Rund 30 Klientinnen und Klienten  kommen regelmäßig allein zu Peter Keßeler  hierher, in die Interkommunale Psychosoziale Unterstützung, kurz IPSU. Dort setzt die Malteser Fluthilfe auf der ersten Etage des HIZ (Hilfszentrum Schleidener Tal) das Angebot der von den drei Kommunen, Schleiden, Hellenthal und Kall betriebenen IPSU um. Der Diplom-Psychologe und psychologische Psychotherapeut Keßeler ist therapeutischer Leiter der Einrichtung. Hier kümmert er sich gemeinsam mit seinem aus einer Ärztin und Psychiaterin, verschiedenen Psychologen, einem Seelsorger sowie Therapeuten bestehenden Malteser-Team um Menschen, deren seelisches Gleichgewicht durch die Flut vom Juli 2021 ins Wanken geraten ist.

Bedarf nach wie vor groß

Auch mehr als zwei Jahre nach der Katastrophe ist der Bedarf an Unterstützung noch entsprechend groß. Doch die Art der empfundenen Belastungen hat sich bei den meisten Menschen im Laufe der Zeit naturgemäß verändert. In der ersten Phase, kurz nach dem Starkregenereignis, sei die Flut psychisch bei den Menschen noch sehr akut gewesen, sagt Peter Keßeler. „Das hat sich darin geäußert, dass ganz viele immer wieder von sehr konkreten Ereignissen erzählt haben, die sie bedrückten“, erklärt der 67-Jährige. So seien manche nicht darüber hinweggekommen, in der Flutnacht nicht vermocht zu haben, ein Menschenleben zu retten, als sich jemand in einer hilflosen Situation befunden, sich daraus eigenständig nicht hätte befreien können und schließlich ums Leben gekommen sei. Andere seien beim Ausfüllen erster finanzieller Hilfsanträge, bei der Frage nach verloren gegangenem Hausrat sowie persönlichen Erinnerungsstücken, die ihnen sehr am Herzen lagen, immer wieder in Tränen ausgebrochen. 

Zusätzliche Schwierigkeiten durch Bürokratie

Gerade, als die Erinnerungen noch sehr frisch und die Kleidung der Menschen quasi noch nass gewesen sei, habe der Schock tief gesessen. Darüber hinaus hätten sich zusätzlich für so manchen auch noch belastende Probleme mit Versicherungen und überregionalen Behörden ergeben „Zu diesem Zeitpunkt war es für viele ein großes Bedürfnis, darüber zu sprechen und auch wirklich einen Platz, wie hier, für ihre Gedanken, Empfindungen, Erinnerungen und Bilder zu haben“, erklärt der Psychologe. Auch seien bei vielen im Zuge des frisch Erlebten dann Flashbacks, die wie eine Bombe mitten in den Alltag platzen und es schwer machen, den Tagesablauf einfach wie üblich fortzusetzen, oder Schlafstörungen als typische Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung aufgetreten. Die unmittelbare Folge: Konzentrationsstörungen und schließlich sozialer Rückzug.

Irgendwo mit den Sorgen bleiben können

Gerade, wenn man zu Hause keine Gelegenheit gehabt habe, das seelische Leid hinreichend abzuladen, sei es vor allem darum gegangen, die Erlebnisse und Gedanken irgendwo ablegen zu können sowie zu wissen, dass sie dort auch bleiben könnten, erklärt der Experte. „Die Flut ragte wie ein Keil in das Leben der Menschen und natürlich erhielt man auch die Rückmeldung von außen, dass irgendetwas nicht mit einem stimmt, wenn man häufig auch dann geistig abwesend und in Gedanken im Flutgeschehen war, wenn man eigentlich hätte funktionieren müssen, wie zum Beispiel auf der Arbeit“. Einige Klienten hätten aber auch von besonders aufmerksamen Chefs berichtet, die betroffenen Mitarbeitenden angeboten hätten, sich einmal eine Auszeit zu nehmen oder einen Arzt zu konsultieren, weil sie einfach nicht mehr wie dieselbe Person wie früher erschienen. 

 Machtlosigkeit akzeptieren lernen

Das, was jedoch vielen belasteten Menschen habe vor allem vermittelt werden müssen, sei zu akzeptieren, dass man in manchen Lebenssituationen schlicht machtlos sei. Gerade jene, die sich selbst im Leben stets als Macher und Bewerkstelliger jedweder Situation wahrgenommen und dies auch durch die Umwelt gespiegelt bekommen hätten, würden oft mit der plötzlich erfahrenen Hilflosigkeit und dem Ausgeliefertsein während der Hochwasserereignisse nicht klarkommen. „Das Selbstverständnis ist dann in seinem Fundament infrage gestellt und der Mensch fragt sich, ob er sein Leben lang in einer Illusion gelebt hat“, erläutert der Psychologie-Experte.  Der Selbstwert basiere auf jener Wahrnehmung und so gehe es bei der fachlichen Unterstützung darum, bei den Menschen wieder etwas herzustellen, über das man sagen könne: „Ich kann auch mit dem scheinbaren Mangel und der Hilflosigkeit, dem Ausgeliefertsein und dem Nicht-aktiven-regeln-können, leben und bin trotzdem jemand, den ich akzeptieren kann.“ Dort wieder hinzukommen, sei eine ganz große und schwere Aufgabe, weiß Keßeler aus seiner beruflichen Praxis. 

Mittlerweile sehen hervorgerufene Belastungen anders aus

Nach verschiedenen Zwischenphasen sei die Flut zwar heute immer noch Thema bei den Klienten, die in die IPSU kämen, doch gehe es eher um generelle Verlusterlebnisse. Die Flut habe alte einschneidende Begebenheiten der Menschen regelrecht wieder hochgespült. So würden mit einem Mal auch vergangen geglaubte Verletzungen durch schlimme Erfahrungen wieder ganz präsent. Auch hier von immenser Bedeutung: Ein Ort, an dem die Menschen ihre empfundene Last lassen können. Gerade, wenn Angehörige oder Freunde sich mit den vermeintlich alten Geschichten aus Eigenschutz ungern befassen möchten. Bei Peter Keßeler und seiner IPSU-Mannschaft stoßen die Menschen nicht nur auf ein offenes Ohr, sondern erfahren auch jedwede mögliche Unterstützung, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Zwischen zwölf und 15 Sitzungen können Klienten kostenlos ausschöpfen. Mittlerweile konnten schon rund 800 Termine beim multiprofessionellen Expertenteam der IPSU wahrgenommen werden. Was dem therapeutischen Leiter Peter Keßeler nach den gemachten Erfahrungen wichtig ist, wäre, dass die Menschen auch von öffentlicher Seite regelmäßig dahingehend auf dem Laufenden gehalten werden, was alles in Sachen Vorbereitung im Hinblick auf mögliche künftige, ähnliche Wetterlagen unternommen werde. Auch wäre gut, das Bewusstsein Betroffener dahingehend wachzuhalten, indem man klar mache, dass man bereits einmal eine Katastrophe erlebt, diese aber bewältigt und überstanden habe.

Manche Menschen haben Berührungsängste mit Fachleuten zu sprechen

Trotz reger Inanspruchnahme der IPSU gibt es offenkundig noch immer zahlreiche Menschen, die sich davor scheuen, sich die offerierte Hilfe in der Kölner Straße 10 zu holen.

Manche Menschen würden auch sagen „Ich habe doch nichts am Kopf“, und kämen daher auch nicht vorbei, bedauert Keßeler. Daher versucht der Diplom-Psychologe jenen, die erstmals vorbeischauen, auch stets das Gefühl zu geben, dass hier tatsächlich jemand ist, der ein Ohr für sie hat. Des Weiteren können sich die Menschen nach dem Erstgespräch auch immer nochmal in aller Ruhe überlegen, ob das Angebot etwas für sie ist und ob sie womöglich lieber mit einem anderen der fachlichen Kolleginnen oder Kollegen sprechen möchten als beim ersten Mal. Dies solle den Menschen verdeutlichen, dass sie selbst eine Entscheidung treffen können. Eine solche hat auch Elin getroffen. Ihr geht es, wie vielen Menschen, die herkommen, nach mehreren Gesprächen in der IPSU zum Glück schon wieder viel besser. Infos unter: ipsu@malteser.org oder Tel.: 02444 9129746

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